Franz Christoph Schiermeyer

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EIN KLEINES KIND

Kindergedichte mit Zeichnungen
von Wolfgang Spree, Paperback,
64 Seiten, ISBN 9783755707103 ; 5,80 €
(Erstveröffentlichung 1992 im Eigendruck)

Hier erhältlich

Auch im Sammelband Gedichte enthalten

 


 

AUS DEM INHALT

 

Kleines Rätsel

Ein kleines Kind, wenn es geboren,
hat im Regelfall zwei Ohren.

Auch zwei Hände, Füße, Beine -
Haare allerdings oft keine:

Nicht geschoren - nicht verloren ---
Kleines Rätsel ist geboren.

*

An der Wiege

Ein kleines Kind macht alle froh:
Es muss nur brav da liegen,
schon tönt es ringsum "Ah!" und "Oh!",
als würd’ es Loopings fliegen.

Und macht es gar ein Auge auf
und tut mal kräftig niesen,
sieht man im weiteren Verlauf
die Tränen reichlich fließen...

Ein kleines Kind hat keine Last
damit: Es wartet heiter,
bis sich die Umwelt wieder fasst
und schläft dann friedlich weiter.

*

Auf den ersten Blick

Ein kleines Kind folgt keiner Logik,
das sieht man auf den ersten Blick:
Es ignoriert die Pädagogik
und vorher schon den Pillenknick.

Es kümmert sich auch keine Spur
um "Mutterschutz" und "Kindergeld"
und kommt - selbst ausgerechnet - nur
nach eigner Zeitrechnung zur Welt.

Ein kleines Kind, ob Tochter, Sohn,
folgt einzig der Intuition...
Und bis man das endlich begreift,
ist man zu Großeltern gereift.

*

Der Diener

Ein kleines Kind ist ein Geschenk --
das man nur machen sollte
an jemanden, der furchtlos vor
beständiger Revolte!

Denn was es sich von dir auch wünscht
und flehentlich ersehnt --
Es ist stets das, was es hernach
mit aller Macht ablehnt.

Das ist nicht etwa böse List
und Laune eines Windes:
Du musst nur wissen, dass du bist
der Diener deines Kindes!

*

Großes Kind

Ein kleines Kind wird endlich groß,
doch niemals recht erwachsen:
Für Eltern markiert Mäxchen bloß
plötzlich den großen Maxen.

Er wird ein Herr und duzt per Sie
und treibt, streng atheistisch,
so lange kühl Philosophie,
bis er streng pietistisch...

Das ist nun keineswegs ein Witz
und will auch nicht belehren.
Denn Leben, Liebe, Geistesblitz
hilft, alles umzukehren!

*

Musikalisches Opfer

Ein kleines Kind ist kinderleicht
aufs Höchste zu entzücken:
Es freut sich schon, darf es vielleicht
die Klospülung mal drücken.

Dann steht es wie im Traum entrückt
und hört die Bächlein fließen
und ist kaum weniger beglückt
als wir, die Bach genießen...

Es fehlt ihm noch der Unterschied
von Kunst und Ohrensausen -
Doch wenn ihm solches wird zum Lied,
sind wir wohl die Banausen.

*

Orffeus in der Kinderwelt

Ein kleines Kind sagt gern "gewerft",
hat es den Ball geworfen.
Dagegen stand schon, leicht entnervt,
mit Mut einst auf Carl Orffen:

Wann immer tat das böse Wort
ein Kind mit Nachdruck sagen,
so musste es in einem fort
auf Hölzer rhythmisch schlagen...

Das hätte sich wohl fortgeführt
und bis auf uns vererbt,
wär Orffen nicht, vom Schlag gerührt,
berühmt und reich gesterbt.

*

Die hohe Kunst des Ausdrucks

Ein kleines Kind sitzt auf dem Topf
zum Zwecke der Idylle:
Die ganze Haltung, Fuß bis Kopf,
weist auf Gedankenfülle.

Und will doch gar nichts sagen!
Geschweige denn "was machen".
Auch niemanden beglücken! --

So möcht’, ganz ohne Fragen,
ein Künstler sich ausdrücken.

*

Goldner Mond und Abendsonne

Ein kleines Kind, in seinen Brei
vertieft mit beiden Händen,
neigt kreativ zur Malerei
ringsum an den vier Wänden.

Es malt dir hin den goldnen Mond
mit andächtiger Wonne
und, falls es nicht mit Lob belohnt,
dazu die Abendsonne...

Was macht man bloß mit solchem Kind,
wird man es schelten dürfen?
Als Kunstkenner und liebesblind
spricht mild man von "Entwürfen"!

*

Jeden Abend dasselbe

Ein kleines Kind wünscht gute Nacht
und schließt für kurz die Augen.
Dann ist es wieder aufgewacht
und will am Fläschchen saugen.

Es fehlt ihm auch sein Teddybär
und ein Schock Lieblingsbücher.
Und außerdem -- ich weiß nicht wer!
Und Mutters Trockentücher...

Energisch spricht man: "Jetzt ist Schluss!
Es ist schon weit nach sieben!
Und wenn ich noch mal kommen muss,
dann wird gleich aufgeblieben!" --

Schon fragt man sich, ob man vielleicht
zu streng in allen Dingen,
als sich zwei Ärmchen einschlafleicht
wie Samt um einen schlingen...

*

Vater weiß alles

Ein kleines Kind hat tausend Fragen,
auf die man keine Antwort weiß:

Ob Brillenschlangen auch schon tragen
Kontaktlinsen? Wie rund ein Kreis?
Was man, wenn man in Sturm geräte
auf einem Meer, als erstes täte?
Und: Wie man weiß, woher es zieht,
da man ja doch den Wind nicht sieht...

Man antwortet recht breit und lang,
betont den hohen Wert der Dichtung
und lenkt somit den Wissensdrang
geschickt in die gewünschte Richtung.

Dann lehnt man sich entspannt zurück
und hat für kurze Zeit das Glück,
dass voller Stolz die Kinder sagen:
"Den Vater kann man alles fragen!" -

Die Mutter nickt dazu im Kreis
der Lieben und seufzt tief: "Ich weiß!"

*

Auf der Mauer

Ein kleines Kind, in Abenteuer-
lust, erklettert ein Gemäuer.
Von dort oben reicht der Blick
bis hinein nach Mosambik:

Wo bislang nur Nachbars Garten,
sieht es Tiere aller Arten
zwischen Apfelbaum und Kirschen
leichtfüßig auf Tiere pirschen...

Auch der Nachbar selbst, im Hemd,
wirkt nicht deplaziert und fremd:
Vorgestellt mit Speer und Schild,
passt er wunderbar ins Bild! --

Kleines Kind liegt auf der Mauer
und träumt, all das sei von Dauer:
Löwen, Affen, Antilopen -
Jederzeit die ganzen Tropen!! --

Doch prosaisch naht das Ende:
"Komm jetzt rein und wasch die Hände!"

*

Die Puppe

Ein kleines Kind hat eine Puppe,
wenn es ein Mädchen ist.
Die füttert es mit Erbsensuppe
und was es sonst nicht mag -
Die Puppe aber isst.

Lässt sich auch gerne "Tinchen" heißen
und ohne alle Schmerzen
zur Not ein linkes Bein ausreißen
und gleich dann wieder herzen!

Wer tät das sonst!?

Ein Junge hat da große Sorgen:
Er muss erst eine Puppe borgen
und fürchtet, weil sie nur geliehen,
ein Bein, das fehlt, wird nicht verziehen...
Wer weiß - vielleicht ja doch!?

Die Puppe, ohne Bein und Kragen,
stellt - wenn! - erst später ihre Fragen:

Geht es dir gut?
Hast du mich lieb?
Vergiss mein nicht! -

Und: Weißt du noch?

*

Deine Brut

Ein kleines Kind ist nicht wie du,
es ähnelt dir nur sehr
an Stirne oder Nase...

Wärst du ein Feld- und Wiesenhase,
gliche es dir mehr!

Was soll's!? --

Mit Recht bist du so stolz
auf deine Kinder, deine Brut!
Und setzt sich eines deinen Hut,
den du nie trägst, keck auf die Ohren,
fühlst du wie neugeboren...

Und weißt bestimmt,
dass alles gut!

 


 

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Verschwiegener Wunsch - verwünschtes Schweigen | Sammelband Gedichte

 

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