Franz Christoph Schiermeyer

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UNGEREIMTES IN VERSEN

 

Gereimte Gedichte, Paperback,
44 Seiten, ISBN 9783752822755; 5,80 €

Hier erhältlich

Auch im Sammelband Gedichte enthalten

 


 

INHALT

 

Das Ende

Ein Ende kam an seinen Schluss
und sprach: "Da ich bald sterben muss,

erfülle mir - ich bin so krank -
den letzten Wunsch! Und vielen Dank!"

So schrieb ich es, das war der Sinn
der Bitte wohl, hin als Beginn.

*

Das Aquarium

"Auch der Mensch ist nur ein Tier",
sprach zufrieden einst ein Zier-

fisch, der durch die Wand aus Glas
einen Blick riskierte, was

dadurch wurde ihm gelohnt,
dass er den sah, der da wohnt:

Einen Menschen, wie er blickt
stumm und fremd und freundlich nickt.

*

Sommertagstraum

Es träumte mir, ich lag im Klee
zur Sommerszeit an einem See.

Und über mir sah ich im Fliegen
mich selbst am See im Kleegras liegen.

Ich sah mich unten, sah mich oben,
ich war gleich doppelt mir enthoben

- und das heißt allemal im Leben,
zugleich auch doppelt mir gegeben! -

und so, entgegen allen Scheins,
aufs wunderbarste mit mir eins.

*

Selbstfindung

Auf einem Baum, in lichter Höh,
sitzt stumm vor Scham die Diarrhö.

Sie hat zu viel vom Obst genommen
und daraufhin sich selbst bekommen.

Jetzt reißt vom Baum sie Blatt um Blatt
und ärgert sich, dass sie sich hat.

Moral: Muss man sich selber finden,
freut nur ein Ort, dort zu verschwinden.

*

Die Nase

Die Nasenwurzel spricht:
"Fest sitzt die Nase im Gesicht
dank meiner Kraft und Stärke!
Und sie bewegt sich nicht!"

Da fängt die Nase an zu laufen
aus einem Nasenloch.
Und also spricht das Nasenbein:
"Und sie bewegt sich doch!"

*

Das Urtier

Es gibt ein Tier, das gar nichts lernt:
Vom Urzustand noch kaum entfernt,

bewegt es ständig sich im Kreis,
weil es von anderem nichts weiß...

Ach Mensch, du meinst, du wüsstest mehr,
weil dich dein Weg führt kreuz und quer,

und hast doch Glück, wenn dir als Greis
dein Lebensweg sich schließt zum Kreis.

*

Der große Preis

Ein Schwertransporter von zwölf Tonnen
hatte einen Preis gewonnen:

Vierzehn Tage Singapur
für zwei Schwertransporter. Nur

war er leider Junggeselle.
Darum gab man ihm anstelle

dieser Reise eine Uhr -
Die kam frisch aus Singapur.

*

Hausmusik

Unter Opas Pendeluhr
kommt am Sonntag es zum Schwur:

Vater nähert sich den Tasten,
Mutter holt den Geigenkasten.

Dass man nachher Kunst vernimmt,
wird sich vorher abgestimmt:

Er will Brahms interpretieren,
sie mit Mendelssohn brillieren.

Drauf spielt er aus Schumanns Szenen
"Wilder Mann" - zu ihren Tränen,

die nicht hindern (was sie ehrt!),
dass sie sich mit Mozart wehrt...

Und so gibt es, unterm Pendel,
wie noch jeden Sonntag: Händel.

*

Das Streichholz

Im Wasserglas verebbt der Sturm,
das Huhn verweigert Korn und Wurm.

Auf seinem Fels der Pavian
hockt schweigend stumm samt seinem Clan.

Betäubt liegt starr das Krokodil,
der Pfeil verharrt vor seinem Ziel.

An ihrem Stab die Wandermaus
steht tränenblind und stiert gradaus.

Der Baum entledigt Ast für Ast
sich seiner Blätter: "Welche Last ---!"

"Und welches Unglück!" fügt hinzu
das Loch in einem Seidenschuh...

Als Nachricht lastet auf dem Land:
"Das Streichholz ist heut abgebrannt!"

Die Kuh verhüllt ihr Haupt im Tal
und resümiert: "Es war einmal!"

*

Der Fluss

Es fließt der Fluss ins tiefe Meer
und hinter ihm fließt wieder er.

Er folgt sich selbst bei jedem Schritt
und auch dahinter fasst er Tritt.

Was vorne sich ins Meer ergießt,
gleich wieder aus der Quelle fließt,

um sich zwar immerfort zu gleichen,
jedoch - selbst kurz - nie zu erreichen . . .

Drum träume, Mensch, dich nicht als Fluss:
Du träumtest dich als Sisyphus

und wärst bei deiner Wiederkehr
derselbe, der du warst vorher.

*

Der Ganges

In Indien war ein Fakir.

Der suchte dort, seinem Klavier
ein deutsches Herbstlied abzuringen.

Das wollte ihm nicht recht gelingen
(aufgrund des ungewohnten Klanges).

Es wurde Herbst -
da plötzlich Ganges!

*

Der Liebesbrief

"Ein Gartenschlauch
hat keinen Bauch!" ---

Diese schlichte Zeile
verehrte einst ein Gartenschlauch
einer Nagelfeile.

Jene, nach nur kurzer Scham
und längerem Gefeile
- wobei ein Wort abhanden kam -,
schrieb zart zurück:

"Ich auch!"

*

Der Eisberg

An einen Eisberg,
mächtig und alt,
hat sich in schneereicher Februarnacht
eine Eisbergin rangemacht -

Er blieb kalt.

Da hat sie ihm
- ihr Verlangen war heiß -
drunten im eiskalten Wasser gezeigt,
was sie dort alles angebaut:

Nichts als Eis!! -

Da ist er getaut.

*

Die Seine

Durch einen Wirbelsturm getrennt
wurde ein Paar Beine.
Er (das rechte), sie (das linke)
waren ganz alleine.

Das rechte suchte sie am Po,
das linke ihn am Rheine.
Schließlich fand er in Paris
ein linkes Bein - die Seine.

*

Das verschaukelte Schaukelpferd

Ein Schaukelpferd, weil falsch geritten,
teilt seinem Reiter bündig mit:
"So geht das nicht!" und fällt in Schritt.
Doch der hat alles abgestritten
und seinem Reittier vorgegaukelt:

"Ich ritt mit dir durch einen Wald,
der wuchs heraus aus dem Asphalt,
und Schlagloch grenzte dort an Löcher,
so groß wie --- und noch größer nöcher!!
Du weißt es doch, du warst dabei!" -

Dem Pferdchen ist es einerlei.
Es fühlt sich nach wie vor: verschaukelt.

*

Die Unentdeckten

In einem unentdeckten Land
(weil kein Entdecker es dort fand)
beschloss man, um entdeckt zu sterben
dereinst (mit Hinblick auf die Erben)
(das ganze Land war ja aus Sand),
sich um Entdeckung zu bewerben.

Die Frage war nur, wo und wie
(entdeckt worden war man ja nie!),
der Modus des Entdeckens war
infolgedessen nicht ganz klar
(Genügte es, wenn man laut schrie:
"Entdeckung!"? Gab´s ein Formular?).

Bei der Beratung dieser Frage
(sie dauerte zehn volle Tage)
hat ein Entdecker (gut versteckt)
(weil ringsherum mit Sand bedeckt)
die Unentdeckten (nach der Sage)
vermittels eines Blicks entdeckt.

Mit seinem Zeh hat er geschrieben
flugs in den Sand: "Es sind Stück sieben!
(Ich liege hier tief hingeduckt
und warte ab, bis einer guckt!)" --
Und dabei ist es dann geblieben.
(Und also steht nicht mehr gedruckt.)

*

Der fromme Elefant

Ein ursteinalter Elefant,
als Heide ringsherum bekannt,

sprach einst zu einem frommen Floh,
der ihn bekehren wollte, so

(zwei Schleiereulen im Talar
begleiteten den Missionar):

"Ich kann gewiss nicht richtig beten,
dafür jedoch sehr schön trompeten.

Und meine Beine - nun, ihr Eulen! -
erinnern an vier Kirchensäulen.

Aus Elfenbein sind meine Zähne,
was ich nur deswegen erwähne,

weil alles an mir, seid gewiss,
den Schöpfer lobt - selbst mein Gebiss!

Mit einem Wort, als Resümee:
Ein Elefant ist fromm per se!" ---

Der Floh, sehr fromm und mit Verstand,
sprach "Amen, Bruder!" und verschwand.

Die beiden Eulen im Talar
bekehrten bald ein Dromedar.

Der Elefant jedoch - er galt
seitdem nur noch als ursteinalt.

*

Der Pfingstochse

Ein Pfingstochse incognito
macht Urlaub in Neu-Mexico.

Doch was er vorher nicht bedacht:
Dort ist grad - "Schnauze!" - Stille Nacht.

Und weil den Gauchos er gefällt,
wird er dem Esel beigestellt

als Krippentier zu dem Behuf,
fromm dazustehn wie Gott ihn schuf...

Vorbei der Urlaub! Nichts mit Baden!
Schon wieder drin in allen Gnaden! ---

"Wer hat mich bloß", denkt er "erkannt?!"
Das Kindlein lächelt, hebt die Hand.

*

Ochs und Esel

Es weihnachtet! - In jedem Stall
bekehren sich die Ochsen
und stehen wie die Kindelein
verlegen in den Boxen.

Sei du der Esel, der du bist,
und stell dich fromm daneben!
So wird dir noch vor Jahresfrist
- bist du vielleicht auch gar kein Christ -,
manch Eselei vergeben.

*

Der gotische Kaugummi

Unter einem spitzen Bogen
klebt ein Kaugummi, gezogen

in die Länge, in die Breite
(kreuzförmig, weil er sich weihte).

Doch obwohl er sich bekehrte,
blieben äußerlich die Werte,

ja - er ist ein Apostat!!
Alles, was ihn treibt (Zitat!):

"Glaubt mir, Brüder, unterm Wohntisch
fühlte ich nicht halb so gotisch!" ---

Pfui! denkt da nicht nur der Fromme,
spricht sein Mund auch "Dein Reich komme",

denn selbst ER hat kein Verständnis
für solch ehrliches Bekenntnis.

*

Der hingedachte Elefant

Ein Elefant geht durch den Wald
als hingedachte Traumgestalt.

Geführt allein durch dieses Wort
erreicht er einen kleinen Ort.

Erst geht er links, dann gradeaus -
Jetzt steht er GROSS vor deinem Haus.

Ein Weilchen nur! - In dieser Nacht
von mir für dich dort hingedacht.

*

Die Radtour

Auf meiner Fahrt mit dem Rad durch das Land
sah ich manches. Allerhand
kam mir seltsam, befremdlich vor.
(Und auch bekannt.)

Ich sah: Man hört überall auf dem Ohr,
in das gesprochen wird, rein nichts...
Wegen der Wärme, wegen des Lichts
fuhr ich nach Süden.

Ich sah, wie verschieden
die Menschen in jedem Landstrich sich gleichen.
Ich sah ein Kind, das wollte nicht weichen
lange Zeit von meiner Hand.

(Das hat mich erkannt.)

Unweit von Würzburg sah ich den Hasen,
der dort gekonnt im Handstand steht.

Der ist ein Jongleur
mit Blumenvasen
(und abends Charmeur) ---

Wie's dem heut wohl geht?

*

Vorm Zelt

Der Mond steht ganz genau auf halb.
Ich sitz vor meinem Zelte
und bellte gern zu ihm hinauf
vor Andacht und vor Kälte.

Mir ist so hundeelend wohl
in meinem Strickpullunder.
Lass Ärmel wachsen, lieber Gott,
ich mach daraus kein Wunder! --

So manches ist so gar nicht rund
und niemand zu beneiden.
Es bellt der Hund - du hältst den Mund
und lernst, dich zu bescheiden.

*

Ohne Angst

Es gibt fast nichts, was wirklich zählt,
lass dich von nichts beschweren.
Was dir zu deinem Glücke fehlt -
Du kannst es auch entbehren.

Du bist nicht da zum Glücklichsein,
gewiss auch nicht zum Leiden.
Du musst dein Leben lang verzeihn
(und darfst dein Glück nicht meiden).

Sei ohne Angst und voller Ruh,
betrachte auf der Weide
- so du das Glück hast - eine Kuh
und denk, Gott liebt euch beide!

*

Abschied

Ich gehe meine Wege,
ich gehe sie wie blind.

Als ob sie meine wären,
obwohl sie deine sind...

Ein kleines Stück des Weges
gehörte kurz uns beiden.

Sei dankbar auch von Herzen,
wenn wir nun freundlich scheiden.

*

Über die Heiterkeit

Ich möchte so manches noch sagen.
Und noch mehr geraderücken --
Mir ist an manchen Tagen,
als könne mir beides glücken.

Dann fange ich an zu erzählen --
und stocke -- und weiß nicht mehr weiter...
Die Worte, die dann mir so fehlen:
die stimmen mich hinterher heiter!

*

Der Bleistift


Ein Bleistift flog ins All
mit einem Blatt Papier.

Darauf im freien Fall
schrieb er die Zeilen nieder:



Dieses seltene Papier
siehst du hier!

*

Unter Bäumen

Jeder Baum ist ganz allein -
unter Bäumen.

Jeder Baum muss ganz allein
stehn und träumen.

Jeder Baum wird, wie er war,
enden:

einzeln - nicht als Paar.

*

Hessischer Nebel

"Durch den Nebel wandern
immer nur die andern",

denkt der Nebel traurig
und verwandelt schaurig

- nebulös zu wandern -
sich in einen andern.

 


 

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Verschwiegener Wunsch - verwünschtes Schweigen | Sammelband Gedichte

 

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